Altersarmut zwischen Pfand und Würde

Wenn Würde Pfand kostet – Warum Flaschensammeln im Alter kein Einzelfall ist

Früh am Morgen, wenn die Straßen noch leer sind und der Duft von frischem Kaffee aus den Bäckereien kriecht, sieht man sie immer öfter: ältere Menschen mit Einkaufswagen oder großen Säcken, die systematisch nach leeren Flaschen und Dosen suchen. Nicht als Hobby, nicht aus „ökologischem Eifer“, sondern weil es oft der letzte Tropfen ist, der zählt. Dieses Bild ist kein seltenes Schicksal. Es ist ein wachsendes soziales Problem.

Zwischen Pfand und Würde

Immer mehr Menschen im Ruhestand müssen ihr karges Einkommen aufstocken – mit Pfandflaschen. Was früher als Randerscheinung galt, ist heute ein Symptom einer prekären Realität. In Deutschland steigt der Anteil älterer Menschen, die am finanziellen Abgrund stehen. 

Altersarmut ist kein abstrakter Begriff – sie ist messbar

Nach aktuellen Daten sind über 742.000 Rentnerinnen und Rentner auf Grundsicherung angewiesen, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht – ein Anstieg von über 30 Prozent seit 2021
Und die Zahlen sind noch krasser, wenn man nicht nur Grundsicherung betrachtet: Nach Schätzungen lebten 2023 etwa 3,2 Millionen Menschen über 65 in Deutschland am Rand der Armut, gemessen daran, dass ihr Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens lag. 

Einige dieser Menschen arbeiten auch im Rentenalter weiter, weil sie nicht anders können. Andere versuchen, mit dem Sammeln von Flaschen wenigstens ein paar Euro mehr zu bekommen. In einer Studie wurden aktuell fast 1,2 Millionen Pfandsammler in Deutschland gezählt – deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren

Und wenn du jetzt denkst „Na gut, ein paar Euro extra“, dann hilft ein Blick auf die Realität: Für fast die Hälfte der Pfandsammler sind es oft weniger als 50 Euro im Monat, also etwa sieben Flaschen mit 25 Cent Pfand pro Tag – nichts, was einen Menschen wirklich über die Runden bringt. 

Viele kämpfen nicht nur gegen Armut – sondern gegen ein System

Manche Betroffene wissen nicht einmal, dass das, was sie tun, offiziell als Einkommen gilt. Ein 68-Jähriger in München wurde etwa bestraft, weil seine Einnahmen aus Flaschensammlung als Zuverdienst auf seine Grundsicherung angerechnet wurden – und ihm anschließend ein Teil davon gestrichen wurde. 

Das zeigt, wie absurd die Lage sein kann: Menschen sammeln Flaschen, um nicht komplett vom Amt abhängig zu sein – und werden dafür am Ende bestraft.

Dass Sammeln überhaupt nötig wird, hängt nicht nur mit geringen Renten zusammen, sondern auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen: Niedrige Löhne, Teilzeitjahre, lange Phasen ohne ausreichende Einzahlungen in die Rentenkasse und steigende Lebenshaltungskosten machen vielen das Leben schwer. Besonders Frauen sind davon betroffen.
 

Warum uns das alle etwas angeht

Altersarmut ist kein individuelles Versagen. Es ist eine strukturelle Herausforderung, die langsam, aber sicher mehr Menschen betrifft. Heute sind es Millionen, morgen könnten es noch mehr werden: Studien zeigen, dass in Zukunft bis zu jedes fünfte neu in Rente gehende Paar von Armut bedroht sein könnte, wenn sich nichts ändert. 

Und während wir diesen Wandel beobachten, entscheiden wir auch darüber, wie wir als Gesellschaft mit Würde, Respekt und Verantwortung umgehen.

Ein Schlussgedanke

Pfandflaschen sammeln mag im Einzelfall funktional sein. Doch wenn es zur Normalität im Alter wird, ist das kein Grund zur Akzeptanz – sondern ein Weckruf. Altersarmut darf nicht unsere Zukunft sein!

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